In meinem Kurs „Gesellschaftliche Herausforderungen der Digitalisierung“ beschäftigen wir uns schon länger mit der Frage, ob Smartphones und/ oder soziale Medien für Jugendliche verboten werden sollten. Kurz gesagt,
- gibt es gut erforschte Nachteile wie Übergewicht, depressive Symptome und niedrigere Lebensqualität als Folge von zu hoher Bildschirmzeit.
- und es gibt die ersten Verbote, z.B. in Australien, allerdings mit gemischten Ergebnissen.
- Smartphones und viele Apps sind bewusst so designt, dass sie süchtig machen.
- Junge Leute haben dagegen keine Widerstandskräfte (ist ja für Ältere schon schwer genug). So wie man Kindern keinen Alkohol gibt, sollte man ihnen auch keine Smartphones geben.
- Trotzdem sind Smartphones ein so zentrales Element im Leben junger Leute, dass man sie vielleicht nicht einfach verbieten sollte.
- Bei einem Verbot müsste es zuverlässige Systeme zur Alterskontrolle geben. Die gibt es nicht, und wenn es sie gäbe, würden sie der Infrastruktur des offenen, freien Internets schaden.
- Gegebenenfalls wäre es sinnvoller, die Betreiber von Social Media stärker zu regulieren…
Um mal zu sehen, was für eine Rolle Smartphones für Schüler:innen spielen (und wie es besser gehen könnte), empfehle ich diese sehr interessante Doku aus der ARD. Dort ist Tobias Krell (aka Checker Tobi) Teil eines Experiments, in dem ca. 100 junge Leute für drei Wochen ihre Smartphones aufgeben. Die Smartphones werden demonstrativ in der Eingangshalle der Schule in einen großen Käfig gesperrt:

Man sieht, wie die jungen Leute vorher tägliche Bildschirmzeiten von 4 Stunden oder auch viel mehr (manchmal über 10 Stunden!) hatten und wie sie zum Beginn des Experiments erst mal verzweifelt sind und sich langweilen:
„Mein Leben fühlt sich so leise und leer an. Ich höre Vogelgezwitscher. Es ist beängstigend, und ich möchte mein Handy zurückhaben. Ich gehe bald schlafen, weil ich nichts anderes zu tun hab.“
Jannat, 15 Jahre
Dann passiert etwas interessantes: Sie lernen auf einmal, die zusätzliche Zeit zu nutzen. Sie schlafen mehr, lesen Bücher, basteln, boxen,… was man halt früher auch so gemacht hätte. Das Ganze wird wissenschaftlich begleitet und man sieht, dass viele von ihnen besser schlafen, weniger ängstlich sind und optimistischer durchs Leben gehen. Als sie am Schluss ihre Smartphones wieder aus dem Käfig holen, ist das ein etwas nachdenklicher Moment. Werden sie es jetzt wirklich schaffen, bewusst damit umzugehen?
Die Dokumentation ist natürlich über die Kinder hinaus auch relevant: Wahrscheinlich haben viele von uns eine zu hohe Bildschirmzeit (ich selbst liege gerade um die 3,5 Stunden am Tag…). Und es ist schon erstaunlich, wie viel individuelle und kollektive Zeit dafür draufgeht, Social Media zu konsumieren (in der Doku vor allem TikTok und Snapchat).
–> Hier geht’s zur ersten Folge in der ARD-Mediathek.
Ich kann mich übrigens relativ gut in die Jugendlichen hineinversetzen, weil ich in dem Alter auch eine ungemein hohe Bildschirmzeit hatte. Nur sah die damals anders aus: mein Bruder und ich haben stundenlang Computerspiele aus der Goldenen Ära (sagen wir, von Pac-Man bis Tetris) auf Commodore gespielt. Auch damals waren unsere Eltern nicht begeistert, aber trotzdem ist etwas aus uns geworden…